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Reisetagebuch

Raiatea: Altes Wissen

Manche Orte fühlen sich vertraut an, noch bevor man sie betritt.
Auf Raiatea, am Marae Taputapuatea, begegnet mir ein Wissen ohne Worte – getragen von Geschichte, Stille und einem Vollmond über dem Zelt.

Die Nacht auf Raiatea ist leise.
Kein Meeresrauschen, kein Wind. Nur das ruhige Fließen eines Flusses und gelegentliche Vogelrufe. Ich liege im Zelt, schaue durch das Moskitonetz nach oben und sehe den Vollmond. Es ist eine dieser Nächte, in denen man nicht nachdenken muss. Man schläft einfach gut.

Der heutige Tag hatte einen klaren Mittelpunkt: den Besuch des Marae Taputapuatea. Genau deshalb bin ich nach Raiatea gekommen. Dieser Ort gilt als der wichtigste historische Kultplatz ganz Polynesiens und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Hier trafen sich einst die spirituellen und politischen Linien der Inselwelt. Auch James Cook und Georg Forster standen schon an diesem Platz.

Besuch am Marae Taputapuatea, Raiatea.
Besuch am Marae Taputapuatea, Raiatea

Und doch war es nicht nur die Geschichte, die mich berührt hat. Es war dieses merkwürdige Gefühl von Vertrautheit. Als hätte ich diesen Ort schon gekannt. Nicht konkret, nicht bildlich – eher als Ahnung. Als wäre da etwas Altes, das man nicht lernen muss, sondern wiedererkennt.

Der Morgen begann mit einem Maʻa Tahiti, einem traditionellen polynesischen Frühstück. Schweinefleisch aus dem Erdofen, roher Fisch in Kokosmilch, Taro, Bananen und Früchte von der Insel. Schwer, reichhaltig, ehrlich. Ein Essen, das erdet.

Später ging es in den Botanischen Garten, dann weiter zu Aussichtspunkten rund um die Insel. Blumen im Haar, grüne Hügel, weite Blicke. Raiatea wirkt nicht spektakulär im lauten Sinn. Die Insel ist ruhig, gesammelt, tief.

Was heute weniger schön war, waren die Mücken. Hartnäckig, allgegenwärtig. Aber wenn das das Schlimmste ist, dann war es ein sehr guter Tag.

Raiatea hat heute nichts gefordert.
Sie hat einfach da gelegen – mit ihrer Geschichte, ihrer Stille und diesem Gefühl von altem Wissen, das man nicht erklären muss.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.