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Reisetagebuch

Neujahrsnähe

Ein neues Jahr beginnt nicht leise, sondern in Gemeinschaft.
Zwischen Stimmen, Trommeln und geteiltem Essen entsteht Nähe – und ein Abschied von Tahiti, bevor der Weg weiterführt.

Ich bin ohne festen Plan hier angekommen.
Ohne große Erwartungen, ohne das Bedürfnis, etwas festzuhalten oder zu erklären. Und doch sammelt sich mit jedem Tag etwas an – Eindrücke, Begegnungen, Geräusche, Stimmungen.

Dieser Tag begann eigentlich schon in der Nacht. Mit Glückwünschen zum neuen Jahr, mit einem leisen „Bonanée“, mit Trommeln im Hintergrund. Stimmen, die sich überlagerten, Lachen, Musik, Gesprächsfetzen. Das neue Jahr kam nicht still, sondern in Gemeinschaft.

Ich habe den Jahreswechsel in einer tahitianischen Großfamilie verbracht. Was mich am meisten berührt hat, war die Selbstverständlichkeit, mit der hier Menschen zusammenleben. Unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Lebensentwürfe – alles war da, ohne Erklärung, ohne Bewertung. Nähe nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand.

Stimmen, Lachen, Zusammensein: Neujahr in Tahiti.
Stimmen, Lachen, Zusammensein: Neujahr in Tahiti.

Dazu das Essen. Taro-Auflauf, roher Thunfisch in Kokosmilch, gegrilltes Lamm, frischer Fisch. Keine Inszenierung, kein Überfluss – sondern Teilen. Essen als Verbindung, nicht als Mittelpunkt, sondern als Begleitung.

Nicht alles war leicht. Die Geräuschkulisse war dauerhaft präsent. Eine Musikbox, mehrere Mikrofone, Karaoke-Gesang, spontane Wortmeldungen, Gitarren, Trommeln, laute Gespräche. Alles gleichzeitig. Lebendig, ja. Aber auch fordernd. Irgendwann entsteht der Wunsch nach einem stillen Zwischenraum.

Und trotzdem bleibt Dankbarkeit.
Dieser Tag war auch ein Abschied. Der letzte ganze Tag auf Tahiti. Ein Innehalten, bevor es weitergeht.

Morgen werde ich noch vor Sonnenaufgang aufbrechen, zum Hafen von Papeete, hinaus aufs Meer. Der Weg führt weiter, zu einer Insel, von der viele sagen, sie sei magisch, mythisch, ein wenig geheimnisvoll.

Dieses neue Jahr beginnt nicht mit Vorsätzen.
Es beginnt mit Nähe.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.