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Reisetagebuch

Vor der Insel Huahine mit meinem gelben Motorroller – unterwegs zwischen Regenwolken, Lagune und neuen alten Plänen.

Huahine: Rückruf

Ein Roller, eine Insel und ein Tag voller kleiner Entscheidungen.
Und am Ende eine Absage, die sich nicht wie ein Verlust anfühlt, sondern wie ein leiser Ruf zurück zu dem, was von Anfang an gemeint war.

Der Tag beginnt mit Regen.
Nicht dramatisch, nicht bedrohlich – eher wie ein vertrauter Begleiter. Das Platschen weckt mich, liegt in der Luft, während ich langsam wach werde. Selbst beim Frühstück regnet es noch, dieses gleichmäßige Trommeln, das in der Südsee nie ganz störend wirkt, sondern eher wie ein Grundton.

Es fühlt sich an, als würde Huahine mir Zeit lassen.

Und dann, fast pünktlich mit dem letzten Bissen, hört der Regen auf. Nicht schleichend, nicht zögernd – sondern entschieden. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ich schaue hinaus, sehe die nassen Straßen, das gedämpfte Licht, und weiß: Das ist das Zeichen.

Ich miete mir einen schönen gelben Aprilia-Roller. Ein Gelb, das sofort gute Laune macht, auch wenn die Wolken noch nicht ganz verschwunden sind. Und dann fahre ich los. Im Uhrzeigersinn. Einmal um die ganze Insel.

Huahine ist keine Insel, die sich aufdrängt. Sie erzählt leise. In Kurven, in kleinen Dörfern, in Abzweigungen, die auf keiner Liste stehen. Der Motor brummt gleichmäßig, wird fast zu einem Hintergrundgeräusch, während die Landschaft an mir vorbeizieht. Palmen, Häuser, Lagune, Meer. Immer wieder kurze Blicke ins Türkis, dann wieder ins Grün.

Im Norden der Insel war ich bereits bei den archäologischen Kultstätten. Heute entdecke ich dort zusätzlich ein kleines Museum, untergebracht in einem traditionellen Langhaus. Man darf es nur ohne Schuhe betreten. Eine kleine Regel, die sofort etwas verändert. Der Schritt wird leiser, der Blick aufmerksamer. Geschichte liegt hier nicht hinter Glas, sie atmet im Raum.

Dann kommt mein innerer Dickkopf zum Vorschein. Ich möchte unbedingt nördlich der beiden Lagunenseen entlangfahren. Auf der Karte sieht das harmlos aus. In der Realität wird daraus eine gute Viertelstunde Offroad. Tiefe Pfützen, matschige Spuren, Wasser, das höher steht, als mir lieb ist. Mehr als einmal frage ich mich, ob der Luftfilter das alles gut findet. Ich fahre langsam, vorsichtig, aber auch mit diesem leisen Grinsen, das solche Momente mit sich bringen: das ist jetzt entweder genau richtig – oder eine sehr schlechte Idee.

An der Bergquelle, die mir mein Führer vorgestern gezeigt hatte, halte ich an. Ich fülle meine Trinkflaschen mit kaltem, klarem Wasser. In solchen Momenten wird einem bewusst, wie wenig es eigentlich braucht. Wasser, das einfach da ist. Frisch, unverfälscht. Kein Aufwand, keine Inszenierung.

Ich sehe jahrtausendealte Steinrollen, die noch heute in Benutzung sind. Dinge, die man anderswo in Museen bestaunt, sind hier Teil des Alltags. Und dann sind da die heiligen blauäugigen Ohrenaale. Sie liegen im Wasser, ruhig, wachsam. Sie sind nicht einfach Tiere. Sie sind Teil einer Geschichte, Teil eines Glaubens. Man schaut sie an – und wird automatisch stiller.

Der schönste Moment des Tages wartet ganz im Süden der Insel. Eine Kultstätte, liebevoll instand gesetzt, direkt am türkisblauen Meer. Der Ort ist offen, klar, fast selbstverständlich schön. Ich setze mich, esse mein Baguette von vorvorgestern mit selbstgemachter Guacamole, filme ein wenig – und dann passiert etwas, das man schlecht beschreiben kann.

Dieses intensive Glücksgefühl stellt sich ein. Still, hell, körperlich. Ein Gefühl, das schon Reisende früherer Zeiten beschrieben haben, und das ich auf dieser Reise schon mehrfach gespürt habe. Kein Jubel, kein Rausch. Eher ein inneres Nicken. Ja. Genau so.

Am Nachmittag kehre ich zu meiner Unterkunft zurück. Ich habe alle nennenswerten Inselstraßen befahren, viele Sackgassen ausprobiert, bin in kleine Dörfer gefahren, ohne Ziel, nur aus Neugier. Diese Sackgassen mag ich besonders. Sie versprechen nichts – und genau deshalb bleiben sie hängen. Ein Blick, ein Winken, ein Geruch, ein kurzer Moment Alltag.

Dann kommt die E-Mail.

Die Fährgesellschaft teilt mir mit, dass sie mich nicht übermorgen nach Maupiti bringen kann. Schlechtes Wetter, zu hoher Wellengang. Das ist ärgerlich. Sehr ärgerlich. Denn ich habe dort Unterkünfte gebucht, ebenso für die Weiterreise nach Bora Bora. Plötzlich hängt alles in der Luft.

Zuerst bin ich ratlos. Enttäuscht. Auch ein bisschen wütend auf diese Mischung aus Pech und Naturgewalt. Wieder dieses Gefühl, dass Pläne hier nie ganz einem selbst gehören.

Und dann, nach einer Weile, kommt dieser zweite Gedanke. Leiser, aber klarer.

Mir wird bewusst: Ich wollte zu diesen Inseln eigentlich gar nicht. Maupiti und Bora Bora waren Ersatz. Lückenfüller. Lösungen, weil ich Zeit überbrücken musste – Zeit, die ursprünglich für die Marquesas gedacht war. Diese Sehnsuchtsorte von Malern wie Gauguin und Schriftstellern wie Jack London. Und dorthin kam ich nicht, weil kein Schiff fuhr. Also hatte ich mir etwas gebaut, das funktionierte. Vernünftig. Buchbar.

Und jetzt sagt das Meer: Nein.

Vielleicht ist das eine der seltsamen Wahrheiten des Reisens: Man hält sich für frei, aber klammert sich doch an Buchungen, Verbindungen, Sicherheiten. Und dann reicht eine Welle, um alles neu zu ordnen.

Ich nehme einen neuen Anlauf. Mit dem Mut der Verzweiflung. Ich habe fast einen Flug auf die Marquesas bei Air Tahiti gebucht, doch der Bezahlvorgang ist so widerspenstig, dass ich ihn nicht abschließen kann. Abbruch, Fehlermeldung, nochmal von vorn. Es fühlt sich an, als würde selbst das System sagen: nicht so.

Bei einer anderen Fluggesellschaft klappt es dann. Reibungslos. Und ein paar hundert Euro günstiger.

Nun gibt es einen Plan. Einen neuen – oder vielleicht eher den alten, ursprünglichen. Ich bleibe noch einige Tage auf Huahine, kehre per Schiff nach Tahiti zurück und reise von dort auf die Marquesas.

Es fühlt sich nicht an wie Umplanung.
Es fühlt sich an wie ein Rückruf.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.