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Reisetagebuch

Huahine: Heimweh

Ein grauer Himmel über Huahine, Ukulelenklänge vom Hafen und ein Gefühl, das man auf Reisen am liebsten vermeiden möchte: Heimweh. Ein Tag, der schwer beginnt, sich langsam entfaltet und unter einem Blechdach mit Kaffee, Regen und neuer Klarheit endet.

Der Tag beginnt und endet mit Musik. Zwei Ukulelen, gespielt von zwei alten Männern, die in einem kleinen Pavillon am Hafen von Huahine sitzen. Sie spielen nicht für jemanden, sie spielen nicht für Geld, sie spielen einfach, um die Zeit zu füllen. Genau diese beiden Ukulelen sind mein Geräusch des Tages. Ich habe sie den ganzen Tag gehört, immer wieder, weil ich mich kaum von der Terrasse meiner Herberge wegbewegt habe. Der Klang lag wie ein leiser Teppich über allem, was heute passiert ist – oder eben auch nicht passiert ist.

Das Wetter ist umgeschlagen. Über Mittag hat es geregnet, der Himmel hat sich zugezogen, und dieses Grau draußen passte erstaunlich gut zu meiner Stimmung. Seit gestern Abend, am Ende von Reisetag 24, hat bei mir heftiges Heimweh eingesetzt. Heute, an Tag 25, ist es voll da. Das ist das Schlechte an diesem Tag. Es ist kein plötzlicher Schlag, eher ein langsames Einsickern, das sich dann festsetzt.

Wenn Heimweh später kommt als erwartet

Normalerweise kenne ich diesen Moment von meinen Reisen sehr gut. Auf früheren Touren kam das Heimweh fast immer um den 13. Tag herum. Dass es diesmal erst nach gut drei Wochen auftritt, spricht eigentlich sehr für diese Reise. Es zeigt, wie intensiv, wie stimmig und wie tragfähig sie bisher war. Und trotzdem fühlt sich dieses Heimweh nicht weniger schwer an. Zuallererst vermisse ich natürlich meine Familie und meine Freunde. Menschen, die mir sehr wichtig sind, die mir Halt geben und bei denen ich nicht erklären muss, wie es mir geht.

Unter dem Blechdach der Terrasse, Regen auf dem Dach, das Meer vor mir, eine Tasse Kaffee in der Hand und der Stift auf dem Papier – ein stiller Moment, in dem Heimweh leiser wird und die Südsee wieder näher rückt.
Unter dem Blechdach der Terrasse, Regen auf dem Dach, das Meer vor mir, eine Tasse Kaffee in der Hand und der Stift auf dem Papier – ein stiller Moment, in dem Heimweh leiser wird und die Südsee wieder näher rückt.

Ich kenne den Mechanismus dahinter inzwischen ziemlich genau. Nach zwei oder drei Wochen unterwegs habe ich so viel erlebt, so viele Eindrücke gesammelt, so viele Anstrengungen auf mich genommen und Hindernisse überwunden, dass ich beginne, hart gegen mich selbst zu werden. Weil ich so viel Schönes erlebt habe, entsteht in mir das Gefühl, mir selbst gegenüber nun strenger sein zu müssen. Die Daumenschrauben anziehen. Keine Nachsicht. Keine Extras. Eine Art innere Verpflichtung, mir das Erlebte durch Disziplin zu „verdienen“.

Askese im Paradies

Dabei sind meine Reisen alles andere als ein Urlaub, in dem ich prasse. An den meisten Tagen gebe ich – abgesehen von der Unterkunft – kaum Geld aus. Ich lebe bewusst einfach. Wenn ich dann zusätzlich anfange, mich noch mehr zusammenzureißen, kippt das zwangsläufig in Selbstkasteiung und Askese.

Heute Morgen zum Beispiel bestand mein Frühstück aus vier Tage altem Baguette mit einer Guacamole aus einer Avocado, die ich gestern bei meiner Inselumrundung am Wegrand gefunden hatte. Außerdem habe ich heute mein letztes Tütchen Pulverkaffee aufgebraucht. Plötzlich war da dieser Gedanke: In den kommenden Wochen werde ich morgens überhaupt keinen Kaffee mehr trinken. Kein kleiner Anker mehr am Tagesanfang. Für heute Abend war – wieder einmal – Reis mit Linsen und Büchsenfleisch vorgesehen. So, wie ich es mir zubereite, schmeckt das zwar lecker, aber trotzdem dachte ich: Ich bin doch in der Südsee! Ausrufezeichen!

Gleichzeitig habe ich inzwischen so viel Filmmaterial gesammelt, das ich aufarbeiten will und muss, dass ich die kommenden Tage gedanklich schon sitzend vor dem Laptop sehe. Schneiden, sortieren, strukturieren. Und wieder dieser Gedanke: Ich bin doch in der Südsee! Ausrufezeichen!

Wenn sich dann, wie heute, auch noch der Himmel schließt, alles grau wird und der Regen aufzieht, wundert es mich nicht, dass bei mir der Reiseblues einsetzt. Alles kommt zusammen: das Vermissen, die innere Strenge, die Erschöpfung, die graue Kulisse.

Das Gute an diesem Tag ist, dass ich aus früheren Reisen gelernt habe. Ich habe diese Heimweh-Episoden schon erlebt, ich kenne sie, und ich weiß inzwischen, dass sie nicht bekämpft, sondern verstanden werden wollen. Mein schönster Moment heute war genau dieser Punkt des Erkennens – und das bewusste Gegensteuern.

Ich habe heute von Entsagung auf normal zurückgeschaltet. Denn warum sollte ich an einem normalen Arbeitstag, der in diesen Wochen nun mal in der Südsee stattfindet, strenger mit mir sein als an einem normalen Arbeitstag zu Hause? Diese einfache Frage hat plötzlich vieles entlastet.

Also bin ich kurz entschlossen aufgesprungen und in den Supermarkt geflitzt. Ich habe mir eine kleine Dose Pulverkaffee gekauft, Kekse, Chips und einen Energy-Drink aus Ingwer und Kurkuma. Keine große Sache. Und gleichzeitig ein riesiger Unterschied.

Tropenromantik unter dem Blechdach

Jetzt sitze ich unter dem Dach der Terrasse. Der Regen prasselt auf das Wellblech, ich trinke Kaffee, esse Kekse, und irgendwo in der Ferne höre ich wieder die Ukulelen aus dem Pavillon am Hafen. Genau diese Mischung ist es, die ich liebe. Diese stille Tropenromantik, die nicht laut sein muss, um echt zu sein.

Ich habe wieder neuen Schwung gefasst. Das Heimweh ist nicht weg, aber es hat seinen Schrecken verloren. Morgen ist mein letzter voller Tag auf Huahine. Und jetzt weiß ich wieder, wie ich ihn bestreiten werde: nicht streng, nicht asketisch, sondern bewusst. In vollen Zügen.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.