Ein Tag, der nicht enden wollte.
38 Stunden unterwegs, eine Datumsgrenze dazwischen – und eine Insel, die mich im Gestern empfängt. Tahiti wird zur Vortagsinsel: ein Ort des Ankommens, der Ruhe und der leisen Erkenntnis, dass Zeit manchmal ihr eigenes Tempo hat.
Es gibt Tage, die sich weigern, in ein normales Zeitmaß zu passen.
Der 28. Dezember 2025 ist für mich so ein Tag gewesen. Er begann in Europa, dehnte sich über Flughäfen, Wartezonen und Ozeane und wollte einfach nicht enden. Erst die Datumsgrenze setzte ihm ein Ende – oder besser gesagt: sie verschob ihn. Als ich am frühen Morgen des 29. Dezember in Tahiti ankam, war ich zeitlich gesehen noch immer im Gestern. Tahiti wurde für mich zur Insel des vorigen Tages.
Das Ankommen hatte etwas Surreales. Ich stieg aus dem Flugzeug und trat auf ein regennasses Flugfeld. Die Luft war warm, feucht, schwer – ein völliger Kontrast zu dem, was ich Stunden zuvor hinter mir gelassen hatte. Noch während ich mich orientierte, erklang Musik. Kein lautes Spektakel, keine aufdringliche Begrüßung, sondern ein kleines Ständchen, gespielt für die Ankommenden. Für mich war es das erste echte Zeichen, dass ich nicht nur den Ort, sondern auch einen anderen Rhythmus erreicht hatte.
Dieser Moment auf dem Rollfeld war wie eine weiche Schwelle zwischen zwei Welten. Die Müdigkeit war tief, fast körperlich, aber zugleich lag da dieses leise Staunen. Ich war angekommen – auch wenn mein innerer Kalender noch hinterherhinkte.
Die Einreise nach Französisch-Polynesien verlief erstaunlich unkompliziert. Als Europäerin fühlt sich der Grenzübertritt fast beiläufig an. Ein paar formale Schritte, ein freundlicher Blick, ein kurzer Austausch – und plötzlich ist man da. Kurz darauf saß ich bereits in einem Taxi, gefahren von einem sehr duldsamen japanischen Fahrer. Er sprach wenig, fuhr ruhig und konzentriert, und ich ließ mich einfach tragen. Durch nasse Straßen, vorbei an Palmen, Häusern, Hügeln. Alles wirkte gedämpft, als hätte auch die Insel verstanden, dass dieser Tag länger war als gewöhnlich.
Meine Unterkunft ist bei einem jungen Ehepaar, bei dem ich zu Hause wohne. Kein anonymes Gästezimmer, kein Hotel – sondern ein echtes Zuhause. Und genau dort lag mein schönster Moment dieses Tages. Die Art, wie ich empfangen wurde, war offen, herzlich, selbstverständlich. Kein Zögern, kein Abstand. Man lachte sofort miteinander, als würde man sich schon kennen. Diese Form der Gastfreundschaft hatte ich so schon in historischen Reiseberichten gelesen, etwa bei James Cook. Und doch ist es etwas völlig anderes, sie selbst zu erleben. Sie fühlt sich nicht organisiert oder touristisch an, sondern menschlich. Man kommt an und gehört dazu.
Trotz der Erschöpfung ließ mich die Neugier nicht los. Ich besorgte mir ein Moped und fuhr zum Hafen von Paquete. In meinem Kopf lebte ein Plan: vielleicht ein Schiff finden, das mich zu den Marquesas-Inseln mitnimmt, weit im Nordosten, viele hundert Kilometer entfernt. Es war ein großer Gedanke für einen ohnehin überlangen Tag. Am Hafen jedoch wurde schnell klar: Es gibt keine Verbindung, kein Schiff, keine Möglichkeit. Der Plan musste verworfen werden, noch bevor er richtig Form angenommen hatte.
Dieser Moment war ernüchternd, aber auch lehrreich. Nicht alles lässt sich sofort umsetzen, nicht jede Idee findet ihren Weg. Gerade an einem Tag, der zeitlich so verschoben ist, scheint Tahiti mir leise zu sagen, dass Stillstand manchmal Teil der Bewegung ist. Dass Ankommen wichtiger sein kann als Weiterziehen.
So endet dieser zweite Tag meiner Reise nicht mit einem Aufbruch, sondern mit einem Innehalten. Tahiti ist für mich die Vortagsinsel – ein Ort, an dem Zeit sich anders anfühlt, langsamer, weicher, weniger fordernd. Vielleicht ist genau das der richtige Beginn für das, was noch kommt.
Morgen beginnt dann wirklich das Heute. Und ich bin gespannt, wie sich diese Insel anfühlt, wenn ich zeitlich ganz bei ihr angekommen bin.