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Reisetagebuch

Höhepunkt

Manche Tage beginnen mit einem Plan – und enden ganz woanders. An diesem Morgen auf Raiatea hat mich ein Berg gerufen. Und ich bin ihm gefolgt.

Eigentlich war alles für einen normalen Arbeitstag vorbereitet. Der Laptop lag bereit, die Geräte waren sortiert, der Morgen ruhig. Ich war ungewöhnlich gut ausgeschlafen, wachte mit dem ersten Licht auf und hatte dieses klare Gefühl von Energie, das selten ist und deshalb ernst genommen werden will.

Und dann war da dieser Gedanke: heute nicht.
Heute nicht sitzen, nicht planen, nicht funktionieren.
Heute raus.

Ich habe das Moped genommen, bin auf die andere Inselseite von Raiatea gefahren und habe es am Rand abgestellt. Von dort aus begann der schmale Pfad hinauf auf den Mount Temehani. Kein großes Zögern, kein langes Abwägen – eher ein Folgen. Der Berg hatte gerufen, und ich wollte wissen, warum.

Oben auf dem Temehani. Vier Stunden Aufstieg, kühle Wolken, weiter Blick.

Oben auf dem Temehani. Vier Stunden Aufstieg, kühle Wolken, weiter Blick.

Der Weg nach oben war fordernd. Der Boden lehmig, feucht, tückisch. Die Hitze hing schwer zwischen den Büschen, und schon bald wurde klar, dass dieser Aufstieg mir nichts schenken würde. Ich musste fast alle Kleidung ablegen, behielt nur das, was Anstand und Schuhe verlangen. Jeder Schritt war Arbeit, jeder Meter Aufmerksamkeit.

Immer wieder dachte ich an Georg Forster und seine Begleiter, die diesen Berg vor Jahrhunderten bestiegen haben müssen. Ohne moderne Ausrüstung, ohne genaue Karten, getrieben von Neugier und dem Wunsch, Pflanzen und Tiere zu finden, zu beschreiben, einzuordnen. Sein Vater war bei einer ähnlichen Wanderung hier ausgerutscht und hatte sich verletzt. Als ich selbst nach wenigen hundert Metern auf dem glitschigen Lehmboden wegrutschte und mich gerade noch fangen konnte, wurde mir schlagartig klar, was das bedeutete. Dieser Berg ist ehrlich. Er verzeiht nichts.

Was mich heute ärgerte, war etwas ganz anderes: Die Haut auf meinen Schultern schält sich noch immer leicht. Ein Überbleibsel von einem Joggingmorgen auf Tahiti, an dem ich die Kraft der Morgensonne unterschätzt hatte. Gerade weil ich viel Erfahrung mit tropischem Klima habe und normalerweise sehr achtsam bin, wurmt mich dieser Sonnenbrand. Ein kleiner Fehler, der länger bleibt als gedacht.

Nach fast vier Stunden erreichte ich schließlich den Gipfel. Und plötzlich war alles anders. Kühle Wolken zogen um mich herum, legten sich auf die verschwitzte Haut. Ich stand dort fast nur noch in Unterwäsche, fröstelnd und zugleich vollkommen ruhig. Vor mir öffnete sich der Blick bis nach Huahine, weit, klar, still.

Das war mein schönster Moment. Kein Triumph, kein Jubel. Nur dieses tiefe Gefühl von Angekommensein.

Die berühmte Apetahi-Blume, das Emblem von Raiatea, habe ich nicht gefunden. Sie wächst nur hier, oben auf dem Temehani, und offenbar weit genug entfernt von den Wegen. Und das ist gut so. Manche Dinge sollten schwer erreichbar bleiben, geschützt vor allzu vielen Blicken.

Am nächsten Tag meldete sich der Berg zuverlässig zurück – in Form von Muskelkater. Ich habe bewusst einen ruhigen Bürotag eingeplant, ohne große Wege. Und während ich gearbeitet habe, wurde mir klar: Der eigentliche Höhepunkt lag nicht nur oben auf dem Gipfel. Er lag in der Entscheidung, dem Ruf zu folgen. Spontan. Ohne Absicherung. Und in dem Wissen, einen Weg gegangen zu sein, den andere lange vor mir schon einmal gegangen sind.

Manche Höhepunkte sind laut.
Dieser hier war still.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.