Texarkana ist eine Zwillingsstadt in Texas und Arkansas

Texarkana - Die Stadt, die es zweimal gibt

In der Nacht habe ich die Grenze von Missouri nach Arkansas überquert. Das ist schon der zehnte Bundesstaat dieser Reise durch die USA. Geschrieben wird der Name dieses Bundestaats Arkansas, doch ausgesprochen wird er Arkansas. Der Name Arkansas rührt von der französischen Aussprache eines Wortes der Quapaw her, das sinngemäß „Land der flussabwärts lebenden Menschen“ bedeutet. Die Aussprache wurde 1881 durch einen Beschluss des Bundesstaats amtlich – angelehnt an die Aussprache französischer – festgelegt.
Mehr habe ich von diesem Staat kaum mitbekommen. Die wenigen kleinen Ortschaften, die im Morgengrauen am Rande der Bahngleise zu sehen waren, sprachen nicht für den Wohlstand und große Lebenszufriedenheit ihrer Bewohner. Meist führte die Strecke aber ohnehin durch Wälder und Buschland. Nun bin ich aber in Texarkana angekommen und steige das erste Mal für einen kurzen Aufenthalt auf dem Bahnsteig aus dem Zug. Das besondere an Texarkana ist, dass es diese Stadt zweimal gibt. Es ist eine sogenannte Zwillingsstadt. Einmal in Texas und direkt nebendran noch einmal in Arkansas. Der Name Texarkana der Stadt ist also auch Standortbestimmung.

Texarkana gibt es auf beiden Seiten der Grenze
Doppeltes Lottchen: Die Zwillingsstadt Texarkana (Foto:  flickr/Steve Snodgrass/CC-BY

 

Zum Frühstück steige ich wieder in den Zug, wo es für mich das gleiche gibt, wie zum Abendessen: Die zweite Hälfte des Sandwiches und Wasser aus dem Kanister. Wobei das Sandwich die vergangenen 24 Stunden dazu genutzt hat, seine Bestandteile bestmöglich miteinander verschmelzen zu lassen. Trotz der Matscherei bin ich damit aber noch geringfügig besser ernährt als meine Mitreisenden, die entweder Kekse oder aufgewärmte Hamburger von der Imbiss-Theke im Zug frühstücken. Nun sind es nur noch ein paar Stunden Fahrt bis zum meinem Ziel: Fort Worth, Texas. Zwar hat der Texas Eagle über einen Zeitvorsprung gegenüber dem Fahrplan rausgefahren doch nun am Vormittag im dichter besiedelten Texas baut sich von Haltestelle zu Haltestelle erheblich Verspätung auf. Zwar konnte mit der Gründung der Amtrak-Gesellschaft der Personenverkehr mit der Bahn in den USA erhalten werden. Trotzdem genießt der Güterverkehr Vorrang und die schnellen Amtrak-Personenzüge müssen warten, wenn die Strecke von einem langsameren Güterzug befahren werden soll.
Ich habe es nicht eilig. Genaugenommen habe ich außer einer Mietwagenreservierung und eine Reservierung im Motel für die kommende Zeit noch keine weiteren Vorkehrungen getroffen und damit auch keine Verpflichtungen. Der ganze Vorsprung, den der Zug über Nacht aufgebaut hat, hat er am Vormittag wieder eingebüßt, so dass ich auf die Minute pünktlich in der flirrenden texanischen Hitze auf den Bahnsteig von Fort Wort trete.

Mit fremden Haaren abtrocknen

Über Nacht hat mein Zug einen bemerkenswerten Zeitvorsprung gegenüber dem Fahrplan rausgefahren, den er am Morgen dann auf den letzten hundert Kilometern bis Fort Worth mit viel Verspätung wieder eingebüßt hat. Aber ich habe es heute gar nicht eilig. Genaugenommen habe ich außer einer Mietwagenreservierung und einer Reservierung im Motel für die kommende Zeit noch keine weiteren Vorkehrungen getroffen und damit auch keine Verpflichtungen. Pünktlich hält der Zug im Bahnhof von Fort Worth und ich trete hinaus in die gleißende texanische Hitze auf den Bahnsteig.

 

Lou Mitchell's im Bahnhofsviertel von Chicago
Featured

Chicago - Durst ist schlimmer als Heimweh

Durst ist schlimmer als Heimweh, heißt es. Nun bin ich erst einige Tage auf dieser Reise durch Nordamerika unterwegs, deswegen ist das Heimweh ohnehin noch nicht so ausgeprägt. Aber der Durst ist gewaltig. Auf Platz zwei der dringendsten Bedürfnisse kommt der Hunger. Zum Glück habe ich heute Morgen schon den Hauptbahnhof von Chicago erreicht und hier einige Stunden Aufenthalt bis zu meiner Weiterfahrt. Über die Straße rüber liegt eines der beliebtesten Frühstücksrestaurants dieser Gegend: Lou Mitchell’s.

Eine Industrieruine des amerikanischen Rust Belt

Amerikas rostige Gürtellinie

Über Nacht hat mein Zug die Niagara-Fälle an der Nahtstelle zwischen dem Ontario- und Erie-See passiert und auch das kleine Stück Pennsylvania durchfahren, das an den See grenzt. Als ich die Augen öffne, passieren wir gerade Cleveland in Ohio. Das ist der sechste Bundesstaat auf meiner Reise. Nur wenig später fahren wir auch durch Indiana, dem siebten Staat, erreichen mit Illinois den achten Staat und kommen am Lake Michigan an. Die Region, die ich in den letzten 24 Stunden durchfahren habe, nennt man in den USA den Rust Belt, also auf Deutsch den Rostgürtel. „Rostig“ wegen der niedergegangenen alten Stahlindustrie. Der Nordosten der USA entlang der Großen Seen von Chicago über Detroit, Cleveland, Cincinnati und Pittsburgh bis an die Ostküste zu den Ausläufern der Metropolregionen Boston und Washington, D.C. hieß früher noch Manufacturing Belt, also frei übersetzt Industriegürtel. Es ist die älteste und größte Industrieregion der USA. Sie entstand ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Erschließung der Steinkohle- und Erzreviere in den Appalachen und der Eisenerzvorkommen am Ohio River. Dazu kam die beginnende Erdölförderung in Pennsylvania. Vorangetrieben wurde die Entwicklung des Manufacturing Belt vom starken Ausbau des Eisenbahnnetzes der USA. Die Bahnstrecke, die ich heute Nacht befahren habe, ist eine der Lebensadern dieser frühen amerikanischen Verbundindustrie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Manufacturing Belt seine volle Größe entfaltet; die am westlichen Ende gelegenen Großstädte Chicago und Milwaukee waren in dieser Zeit Zentrum der Lebensmittelindustrie, während sich die aufkommende Automobilindustrie auf Detroit und die Stahlindustrie auf Pittsburgh konzentrierte. Bis in die frühen 1970er Jahre war die Region das mit Abstand größte Industriegebiet der Vereinigten Staaten und eines der größten weltweit.
Am Zugfenster zieht vor mir eine Art rostbraunes, schwerindustrielles Disneyland vorbei mit gewaltigen von grünen Ranken bewachsenen Anlagen. Im Zwielicht der Morgendämmerung wirkt es auf mich wie eine andere Welt.
Doch als die Sonne etwas höher steht beginnen die Vororte von Chicago und im Dunst kommt auch die Skyline der Metropole am Lake Michigan in Sicht. Schließlich fährt unser Zug unter die Erde und in den Hauptbahnhof von Chicago ein.

Mit dem Zug vom Atlantik an die großen Seen

Nach einem sehr ordentlichen Frühstück in einem Frühstücksrestaurant der IHOP-Kette werde ich mit dem Auto zum Bahnhof von Providence gefahren. Denn hier beginnt meine Zugreise durch die Vereinigten Staaten. Ich freue mich sehr darauf, wieder mit der Bahn zu reisen. Denn es ist nun schon eine ganze Weile her, dass ich mit einem Fernzug gefahren bin. In Folge 3 dieses Podcasts bin ich bin der Deutschen Bahn an die Nordsee gereist, um dort mit dem Segelschulschiff Alexander von Humboldt II auf Seereise zu gehen. Danach war das Tischtuch zwischen mir und der Deutschen Bahn endgültig zerschnitten und ich habe mir vorgenommen, auf dieses Chaos zu verzichten und nur noch im Ausland mit dem Zug zu fahren, wo alles weitgehend geordnet abläuft. Nach wie vor halte ich das Reisen mit der Bahn für eine der überlegenen Reiseformen, wenn der Weg das Ziel sein soll und man nicht nur von A nach B kommen möchte. Im vergangenen Jahr erzählte mir eine Weltreisende vom USA Rail Pass und welche Vorteile damit verbunden sind. Ich habe mir das angesehen und war begeistert.