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Reisetagebuch

**Bildunterschrift**  Unter einer flachen Steinplatte, die einen kleinen Steinhaufen bedeckt, liegen im Regenwald von Huahine menschliche Knochen und Schädel – entdeckt im strömenden Regen, begleitet von einem jungen Einheimischen, der den Ort kennt.

Huahine: Regengefährten

Ein Tag, der nach Umkehr roch, wurde zu einem Tag, der bleibt.
Strömender Regen, Wasser in den Schuhen und ein junger Begleiter aus Huahine führten mich zu Orten, die ich allein nie gefunden hätte.

Das Geräusch dieses Tages kam nicht von Vögeln, nicht von Brandung, nicht von Stimmen. Es kam aus meinen Wanderstiefeln. Ein schmatzendes, nasses Geräusch bei jedem Schritt, weil das Wasser längst darin stand. Der Regen hatte sich nicht nur über die Insel gelegt – er war in mich eingedrungen, in meinen Rhythmus, in meine Geduld, in mein Vorhaben.

Als ich aufwachte, platschte es draußen schon so kräftig, dass man den Regen nicht mehr „hören“ konnte, sondern ihn spürte, als wäre er ein eigenes Element, das gegen Wände und Dach arbeitete. Und trotzdem blieb ich bei meinem Plan. Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Wanderung in den Norden von Huahine zu unternehmen. Aus zwei Gründen: Zum einen, weil sich dort ein historischer Schauplatz befindet, der mit Georg Forsters Reise um die Welt verknüpft ist. Zum anderen, weil dort archäologische Stätten liegen. Und dann war da noch dieser Pfad, der den Berg hinaufführt, bis zum Gipfel mit Ausblick über die Insel.

Das Wetter sprach dagegen. Ich sprach dagegen an – kurz. Aber ich ging los.

In einer Regenpause packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg. Es war diese typische Hoffnung, dass eine Pause vielleicht der Beginn einer Besserung sein könnte. Doch bald setzte der Regen wieder ein. Erst als feines, hartnäckiges Prasseln, dann als ein dichter Vorhang, und schließlich goss es in Strömen, so als hätte jemand irgendwo oben eine Leitung geöffnet.

Je weiter ich ging, desto mehr wurde der Weg zum Zustand: nass, schwer, klebrig. Irgendwann stand das Wasser in den Schuhen. Man merkt diesen Moment nicht mit einem Schlag, es passiert schleichend – erst ein feuchter Rand, dann ein Kältegefühl, dann dieses „Jetzt ist es egal“. Ab dann wird jeder Schritt begleitet von diesem Schmatzen, als wäre man nicht mehr auf Land, sondern in einer Art Zwischenwelt aus Erde und Wasser.

Als ich den Rand der Lagune im Norden von Huahine erreichte, hielt ich an. Ich hatte mir vorgestellt, dort zu filmen. Lagune, Licht, Farben. Aber an diesem Tag lag alles im Regenschleier und im Dunst. Die Welt war weichgezeichnet, als hätte jemand den Kontrast heruntergedreht. Es gab keine klare Kante, an der das Auge sich festhalten konnte. Ich überlegte, ob es überhaupt sinnvoll sei, noch weiter zu wandern.

Und dann kam dieser Gedanke: Ich bin noch nicht wirklich angekommen. Ich habe noch kein Ziel erreicht. Umkehren würde bedeuten, dass der Tag nur Regen war. Also ging ich weiter – zumindest bis zu den archäologischen Stätten, sagte ich mir. Dann kann ich immer noch zurück.

Dort angekommen, war der erste Eindruck ernüchternd. Von den historischen Kultplätzen war bei meiner Ankunft kaum etwas zu sehen. Ein paar Steine im Matsch. Ein Steg, der darüber hinwegführte, hin zu einem Toilettenhäuschen. So ein Moment, in dem man sich fragt, ob man sich geirrt hat – ob die Vorstellung größer war als die Wirklichkeit. Ich ging zu dem Häuschen, nicht aus touristischem Interesse, sondern weil es dort ein Vordach gab. Endlich eine Kante Trockenheit, wenigstens für ein paar Sekunden.

Unter dem Vordach nahm ich meine Trinkflasche aus dem Rucksack. Hinter dem Toilettenhäuschen saß im Trockenen ein junger Einheimischer. Er sah mich, sah meinen Zustand – und erklärte mir, dass das Damenklo auf der anderen Seite sei. Es war freundlich, sachlich, ein bisschen komisch in dieser Situation, weil ich offensichtlich nicht aus diesem Grund hier war. Ich antwortete, dass ich wegen der historischen Anlagen hier sei. Und dass ich auf den Berg steigen wollte.

Sein Gesicht änderte sich. Überraschung, dann Freude. So, als hätte ich etwas gesagt, das nicht oft gesagt wird. Er wies mir den Weg, und als ich nicht gleich verstand, führte er mich sogar ein Stück, bis zum Anfang des Weges. Der Regen goss noch immer.

In meinem Kopf war da Tahiti. Dort hatte man mich eindringlich gebeten, wegen des vielen Regens, der in den vergangenen Tagen gefallen war, nicht in die Berge zu wandern. Es seien bereits Menschen durch Erdrutsche zu Tode gekommen. Diese Warnung saß tief. Deswegen fragte ich nun auch hier auf Huahine den jungen Mann, ob eine Gefahr bestehe, den Berg zu besteigen.

Und dann passierte etwas, das diesen Tag kippte: Er bot mir spontan an, mich zu begleiten.

Das „Nicht so Schöne“ dieses Tages war bis dahin eindeutig: Er war total verregnet. Es war dieses Wetter, das nicht nur nass macht, sondern Entscheidungen schwer macht. Und auch jetzt regnete es noch unablässig. Aber in dem Moment, in dem er anbot, mitzugehen, wurde aus meinem Plan wieder eine Bewegung nach vorn. Ich sagte zu.

Mir kamen plötzlich die vielen Berichte aus Georg Forsters Reiseerzählung in den Sinn. Forster schrieb immer wieder davon, wie sich ihm Insulaner als Führer anboten. Und auch er wurde mehr als genug vom pazifischen Tropenregen bis auf die Haut durchnässt. In mir entstand dieses Gefühl: Ich wende mich wieder in Forsters Spuren. Nicht im Sinne eines historischen Nachspielens – eher wie ein Echo. Die gleiche Landschaft, ein ähnlicher Regen, ein fremdes Verstehen, das von einem Menschen vor Ort übersetzt werden muss. Ich erahnte den Beginn eines Abenteuers.

Der Weg führte nicht steil, aber beständig durch den Wald hinauf. Der Regen machte alles glänzend. Blätter, Stämme, Steine – als wäre die Insel frisch lackiert. Der Boden war weich, rutschig, und jeder Tritt musste bewusst gesetzt werden. Aber der Pfad war da. Und wir waren zu zweit.

Bald erreichten wir die erste Kultstätte. Ein Marae, das auf Terrassen den Hang hinaufstieg – viele Ebenen, hintereinander, übereinander, wie ein steinerner Satz, der sich den Berg hinaufzieht. Mein junger Führer hatte Freude daran, mir seine Kultur zu erklären. Es war keine aufgesetzte „Tour“, eher ein echtes Zeigen. Und weil ich schon fast ein halbes Dutzend solcher Kultstätten auf Tahiti und Raiatea besucht hatte, konnte ich auch schon einiges Vorwissen aufweisen. Das machte den Austausch lebendig. Er erklärte, ich erkannte Zusammenhänge, fragte nach, und wir bewegten uns gemeinsam zwischen dem Sichtbaren und dem Bedeuteten.

Was mich wiederum mit Forster und Cook verband, war die Sprachbarriere. Sie ist nicht nur eine Sache von Wörtern, sondern eine von Weltbildern. Selbst wenn man einzelne Begriffe versteht, bleibt das Fremde oft da: Warum etwas heilig ist. Wie ein Ort spricht. Welche Beziehung Menschen zu Ahnen, zu Land, zu Geist haben. Mir erschwerte diese Barriere – wie einst Forster – das Verstehen der fremden spirituellen Vorstellungen. Vielleicht ist das auch der Punkt: Man kann sich annähern, aber nicht alles besitzen.

Schließlich kamen wir zum nächsten Kultplatz. Eine Steinfassade, und darüber thronte ein gewaltiger Banyanbaum. Mehrere Meter Durchmesser, eine Präsenz, die fast körperlich war. Der Baum wirkte wie ein Wächter. Oder wie eine Krone. Er erinnerte mich an den Lebensbaum Ewa aus Avatar – nicht wegen irgendeiner kitschigen Ähnlichkeit, sondern wegen dieses Gefühls, dass hier etwas steht, das größer ist als eine einzelne Zeit.

Wir stiegen weiter. Irgendwann erreichten wir auch den Gipfel. An einem klaren Tag ist die Aussicht sicher herrlich. Darauf wies eine würfelförmige Plattform hin, die wohl früher als Wachtturm benutzt wurde – um angreifende Kriegskanus frühzeitig zu entdecken. Ich stellte mir vor, wie dieser Ort einmal nicht touristisch, nicht romantisch, sondern strategisch gewesen sein muss: Blick, Wachsamkeit, Angst, Schutz. Heute war davon nur der Regen übrig, der noch immer trommelte.

Und trotzdem: Der schönste Moment des Tages war, mit meinem Begleiter durch den Dschungel zu streifen. Nicht der Gipfel, nicht das „Ankommen“, sondern dieses gemeinsame Unterwegssein im Regen. Er warnte mich vor den Feuerameisen, die unter den Blättern säßen. Sie seien winzig und ihr Biss tue erst nur wenig weh, steigere sich dann aber immer mehr. Solche Sätze sind mehr als Warnungen – sie sind eine Form von Fürsorge. Ein kleines „Ich will, dass dir nichts passiert“.

Dann kamen wir zu Orten, die sich schwer beschreiben lassen, ohne in Sensation oder Abwehr zu rutschen. Schließlich erreichten wir einen Kultplatz, dessen Mauern aus Steinen und den Knochen von geopferten Menschen erbaut waren. In der Nähe war der Opferfelsen, wo man den Opfern die Schädel eingeschlagen hatte. Es ist ein Satz, der im Mund hart klingt. Und doch stand ich dort, nass bis auf die Haut, und merkte: Das ist nicht Legende. Das ist nicht nur Erzählung.

Dass dies alles keine Legende ist, bewies mir der nächste Ort. Eine Steinmauer, und in einem Spalt unter der Felsplatte lagen tatsächlich menschliche Schädel. Einige ganz offensichtlich zertrümmert. Ich stand da und schaute – nicht mit dem Blick eines Sammlers, eher mit dem Gefühl, dass die Zeit plötzlich sehr nah ist. Einfach spektakulär. Und auch: schwer. Und ich wusste sofort, dass ich so etwas allein nie gefunden hätte.

Auch mein Führer sagte, dass er keine Touristen kenne, die sowas mitmachen würden wie ich. Nicht als Kompliment im Sinne von „mutig“, eher als Feststellung: Die meisten kommen für Sonne, Lagune, Strand. Nicht für Regen, Schlamm und Opferstätten. Nicht für dieses Unbequeme, das Geschichte manchmal ist.

Beim Abstieg waren die Wege zu Bächen geworden. Der Regen hatte aus Pfaden Rinnen gemacht. Man ging nicht mehr „auf“ dem Weg, man ging „durch“ ihn, als wäre er ein fließendes Ding. Der junge Mann betonte unterwegs immer wieder, dass er für diese Privatführung kein Entgelt haben wollte.

Aus Forsters Erzählung wusste ich aber, dass er immer wieder Wert darauf legte, die Gefälligkeiten der Einheimischen großzügig zu entlohnen. Nicht aus Überlegenheit, sondern aus Respekt: Zeit, Wissen und Begleitung sind etwas. Sie sind nicht „gratis“, nur weil jemand freundlich ist. Und so drückte ich ihm zwei Geldscheine in die Hand – das Doppelte von dem, was ich für eine Inselführung auf Raiatea bezahlt hatte. Er war glücklich. Es war ein echtes Glück, kein höfliches. Und er winkte mir noch nach, als ich schon im strömenden Regen viele hundert Meter entfernt auf dem Rückweg war.

Am Ende blieb ich mit nassen Schuhen, nasser Kleidung und diesem Geräusch, das noch immer an mir hing. Aber innerlich war etwas anders. Ich hatte zwar an diesem Tag weniger gefilmt, weniger gesehen im klassischen Sinn, weniger „Postkartenmotive“ gehabt. Dafür hatte ich etwas erlebt, das sich nicht planen lässt: eine Begegnung, die Tür zu einer Landschaft, die plötzlich mehr war als grün, und ein Stück Geschichte, das im Regen nicht verschwunden ist, sondern deutlicher wurde.

Morgen ist ein weiterer Tag auf Huahine. Ich plane nichts. Aber heute hat mir einmal mehr bewiesen, dass ja jeder Tag das Potenzial hat, ein Abenteuer zu werden.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.