Ein Tag zwischen Abschied und Aufbruch.
Offenes Meer, ein Satz von Émile Segalen und der ferne Himmel von Raiatea.
Das erste, was diesen Tag begleitet, ist ein Geräusch.
Das tiefe, gleichmäßige Brummen der Schiffsmaschine. Dazwischen Stimmen, Schritte, das Knarzen von Metall. Ein Klang, der sagt: Du bist unterwegs.
Endlich bin ich auf dem Meer. Rings um mich herum nichts als der Horizont. Wasser und Himmel, kaum voneinander zu trennen. Ich sitze an Bord, schließe die Augen, höre Musik – und spüre dieses Kribbeln im Bauch. Ein Gefühl, als wäre ich verliebt.
In der Nacht zuvor konnte ich kaum schlafen. Ich musste an Émile Segalen denken, den französischen Schriftsteller, der über seine Zeit in Polynesien schrieb:
„Ich kann vor Glück oft nicht schlafen.“
Heute fühlt sich dieser Satz erstaunlich nah an. Vielleicht ist das Glück manchmal genau das: zu viel Weite, zu viele Gefühle, um die Augen zu schließen.
Ein besonderer Moment dieses Tages liegt aber noch an Land. Mein Abschiedsessen bei meiner Gastfamilie. Es gab Fisch mit Brotfrucht. Brotfrucht ist hier mehr als Nahrung. Sie ist traditionelles Grundnahrungsmittel, identitätsstiftend, fest verwoben mit dem Alltag der Menschen. Und sie macht pappsatt. Wir saßen zusammen, ruhig, ohne große Worte. Ein Abschied, der nicht laut sein musste.
Schwerer war ein anderer Besuch. Noch einmal bei den Großeltern meiner Gastfamilie. Sie aßen Reste des Silvestermenüs. Der Großvater saß neben seiner Frau, die an Alzheimer erkrankt ist. Gemeinsam schauten sie ein altes Familienvideo: eine Straßenbahnfahrt durch San Francisco im Jahr 1988. Er zeigte es ihr, um Erinnerungen wachzuhalten. Um ihrem Geist etwas Licht zu geben. Dieser Moment war still und traurig – und zugleich voller Liebe.
Zurück auf dem Schiff tauchen sie langsam auf: die Inseln unter dem Winde. Kein Eigenname, sondern eine Beschreibung der Route, wie man sie erreicht. Und dort liegt mein Ziel. Raiatea.
Der Name bedeutet: der ferne Himmel.
Während das Schiff näherkommt, denke ich, dass es kaum einen passenderen Namen geben könnte.