Trügerische Tiefe

Eine vermeintlich sichere Bucht, ein rutschender Anker und eine streikende Winde: Wie unser erster Segeltag in der Ägäis zur Bewährungsprobe wurde.

Als ich an Deck komme, steht vor uns eine Felswand. Steil, dunkel und viel zu nah. Auf der anderen Seite der Bucht leuchten die Tavernen. Dort hatten wir geankert. Jetzt liegen wir hier.

Es ist gegen vier Uhr morgens. Böen reißen an unserem Boot und drücken es weiter auf die Felsen zu. Ein Crewmitglied hat mich geweckt. Nun müssen sofort alle raus aus den Kojen. Ich starte den Motor.

Wenige Stunden zuvor war diese Bucht für uns noch ein guter Platz für die Nacht gewesen.

Ein Geheimtipp, den zu viele kennen

Unser erster Seetag hatte in Parikia auf Paros begonnen. Wir waren guter Dinge nach Westen gesegelt, nach Sifnos, und dort in die Bucht von Vathi eingelaufen. Schon die Einfahrt ist imposant: Hoch aufragende Felswände flankieren die schmale Öffnung, dahinter liegt eine fast kreisrunde Bucht.

Vathi – Βαθύ – bedeutet „tief“. Ein Name, über den man bei der Ankunft kurz nachdenken kann. Wie viel er mit unserer Nacht zu tun haben würde, ahnten wir da noch nicht.

Ich hatte hier schon vor einigen Jahren geankert. Außerdem hatte ich im vergangenen Jahr ein Revierseminar der Segelzeitschrift YACHT verfolgt. Der für die Kykladen zuständige Redakteur hatte Sifnos als Geheimtipp empfohlen und Vathi als guten Ankerplatz hervorgehoben. Die Bucht liegt auf der vom Meltemi, dem vorherrschenden Wind der Kykladen, abgewandten Seite der Insel. Das klingt nach Schutz. Und sieht auch so aus.

Nur kennen diesen Geheimtipp offenbar ziemlich viele Menschen. Die Bucht ist voll. Wenn starker Wind bevorsteht, suchen hier noch mehr Boote Zuflucht. Die Auswahl an geschützten Plätzen wird dann klein – und der Platz zwischen den Yachten ebenfalls.

Beim dritten Mal muss es klappen. Eigentlich.

Die begehrten Ankerplätze im nördlichen Teil der Bucht sind schon belegt. Unser erster Versuch bringt uns zu dicht an andere Boote. Also holen wir den Anker wieder auf.

Beim zweiten Versuch liegen wir über fremden Ankerketten. Wieder hoch damit.

Meine neue Regel lautet eigentlich: Beim dritten Mal muss es klappen. Wir versuchen es mit einer zusätzlichen Heckleine zum Land. Doch dafür liegt unser Heck zu nah an den Steinen. Auch diese Variante verwerfen wir.

Schließlich ankern wir etwas weiter draußen, in tieferem Wasser. Wir geben reichlich Kette, ein Vielfaches der Wassertiefe, und fahren den Anker gründlich ein. Er hält. Auch der Abstand zu den anderen Booten stimmt.

Wir richten uns auf die Nacht ein.

Wenn der Schutz zur Gefahr wird

Mit der Dunkelheit kommen heftige Böen. Die hohen Felswände, die bei der Einfahrt so eindrucksvoll wirkten, zeigen ihre andere Seite: Fallwinde fahren in die Bucht und treffen uns aus wechselnden Richtungen. Das Boot wird immer wieder herumgerissen.

Ich bin nachts mehrfach an Deck. Einmal hole ich meine Badekleidung von der Leine, bevor sie davonfliegt. Immer wieder leuchte ich mit der Taschenlampe die Umgebung ab, kontrolliere unsere Position. Auch andere Crewmitglieder halten Ankerwache. Unser Anker hält.

Dann hören wir Geschrei von anderen Booten. Soweit wir im Dunkeln erkennen können, haben sich ein oder zwei Katamarane losgerissen und sind gegen andere ankernde Boote getrieben. In der Bucht herrscht plötzlich Chaos.

Wir haben Abstand gelassen. Das beruhigt uns zunächst.

Etwa eine Stunde später werde ich geweckt.

Die tiefe Bucht

Jetzt liegen die Tavernenlichter weit entfernt. Wir sind offenbar quer durch die Bucht getrieben worden und erst kurz vor der gegenüberliegenden Felswand zum Stehen gekommen.

Was passiert sein muss, erschließt sich uns nachträglich: Unser Anker hatte sich gelöst und war in einen Bereich mit steil abfallendem Grund geraten. Schon wenige Meter Versatz bedeuteten dort erheblich mehr Wassertiefe. Irgendwann dürfte der Anker trotz der langen Kette den Kontakt zum Boden verloren haben. Das Boot trieb weiter, der Anker hing darunter im Wasser.

Erst auf der anderen Seite, wo der Grund wieder steil anstieg, fasste er erneut.

Wenige Meter vor den Felsen.

Dass wir so viel Kette gesteckt hatten, hat uns vermutlich vor einem schweren Aufprall bewahrt. Mit weniger Kette hätte der Anker den ansteigenden Grund womöglich erst erreicht, als unser Boot schon gegen die Felsen geschlagen wäre.

Wir haben Glück gehabt. Aber wir müssen hier weg.

Achtzig Meter Kette rauschen in die Tiefe

Ich halte das Boot mit Motorkraft von den Felsen fern, während die Crew den Anker aufholt. Wir müssen ihn freibekommen, um einen neuen Platz anzusteuern.

Da springt die Kette von der Ankerwinde.

Die gesamte Länge rauscht aus: 80 Meter.

Nun hängen wir erst recht fest. Die Kette liegt nicht mehr dort, wo die Winde sie greifen und nach oben fördern kann. Der Anker hält uns in dieser gefährlichen Position nahe der Buchtausfahrt. Um uns herum stockdunkle Nacht, heftige Böen und die Felsen.

Ich gebe die Anweisung, sofort Schwimmwesten und Sicherungsgurte anzulegen und sich einzupicken. Niemand darf jetzt über Bord gehen. Der Wind würde einen Menschen aufs offene Meer treiben, während wir selbst am Anker festhängen. Wir könnten mit dem Boot nicht hinterher.

Ich wieder hoch ans Steuer, das Boot von den Felsen fernhalten, dann wieder runter zum Funkgerät. Vorn arbeitet die Crew an der Kette. Ich müsste gleichzeitig an mehreren Stellen sein.

Vorne beginnt die Crew, mit Leinen und Winchen die schwere Ankerkette zu entlasten. Stück für Stück muss sie so weit angehoben werden, dass wir sie wieder auf die Ankerwinde bekommen. Hinten stehe ich am Steuer und arbeite mit der Maschine gegen den Wind.

Wir sind alle noch so angezogen, wie wir aus den Kojen gekommen sind.

Pan-Pan in der Dunkelheit

Ich schalte die Decksbeleuchtung ein. Wir müssen sehen, woran wir arbeiten. Und andere Boote müssen uns erkennen können, falls auch sie ihren Ankerplatz verlieren und im Dunkeln durch die Bucht manövrieren.

Gleichzeitig brauche ich Kontakt nach draußen. Ich gehe unter Deck und setze über Funk eine Dringlichkeitsmeldung ab: Pan-Pan. Wir liegen manövrierunfähig im Bereich der Buchteinfahrt und können uns derzeit nicht aus eigener Kraft befreien.

Die zuständige Stelle stellt Fragen. Ich antworte, muss wieder hinauf ans Steuer, das Boot von den Felsen fernhalten, dann erneut hinunter zum Funkgerät. Vorn arbeitet die Crew an der Kette. Ich müsste gleichzeitig an mehreren Stellen sein.

Es ist eine Überforderungssituation. Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nicht.

Über Funk erfahren wir, dass wegen des starken Windes keine Unterstützung geschickt werden könne. Die Empfehlung lautet, die Ankerkette zu kappen und aufs offene Meer hinauszufahren.

Doch vom Vorschiff kommt eine andere Nachricht: Die Crew arbeitet an einer Lösung. Es gibt eine Chance, die Kette wieder auf die Winde zu bekommen.

Zentimeterweise zurück zur Bewegungsfreiheit

Über eine Stunde arbeiten wir in dieser Lage. Die Winchen knacken unter der Last. Die Crew kämpft um jeden Fortschritt, während ich versuche, unseren Abstand zu den Felsen zu halten.

Dann kommen endlich ein paar Meter Kette herauf.

Wir gewinnen etwas Freiraum. Schließlich greift auch die Ankerwinde wieder. Der Anker löst sich vom Grund.

Als wir aus der Bucht freikommen, hängt er noch tief unter uns im Wasser. Er hat auf seinem Weg offenbar einiges eingesammelt: Leinen und Fischernetze hängen daran.

Auch die Winde ist an ihrer Belastungsgrenze. Sie ist heiß geworden; heißes Wasser tropft herunter. Wir holen den Anker deshalb nur noch etappenweise auf.

Aber wir haben jetzt Raum. Die Felsen liegen hinter uns. Draußen auf dem offenen Meer können wir uns die Zeit nehmen, die uns in der Bucht gefehlt hat.

Gerettet – und erst einmal festgesetzt

Wir melden über Funk, dass wir wieder manövrieren können. Unser Plan ist, Sifnos im Süden zu umrunden und einen sicheren Ankerplatz auf einer anderen Insel anzulaufen.

Die Küstenwache weist uns jedoch an, nach Kamares zu kommen, dem Hafenort von Sifnos. Also ändern wir unseren Kurs und fahren nach Norden.

Unterwegs begegnen wir einem Fischerboot. Der Fischer beobachtet uns aufmerksam. Später erfahren wir, dass die Hafenbehörde ihn gebeten hatte, nach uns zu schauen. Er war ohnehin zum Fischen unterwegs und hatte bei Sonnenaufgang nach unserem Boot gesehen.

In Kamares bekommen wir einen Liegeplatz zwischen den Fischern. Das Boot ist unbeschädigt im Hafen. Wir melden uns wie angeordnet bei der Hafenbehörde der Küstenwache.

Dort folgt die nächste Überraschung: Wir dürfen vorerst nicht weiterfahren. Die Schiffspapiere und unsere persönlichen Dokumente werden zunächst einbehalten. Vor einer Freigabe müsse die technische Sicherheit des Bootes durch den Eigner geklärt werden.

Nach der dramatischen Nacht folgt der Gang zum Hafenmeister von Kamares: Bis die technischen Fragen und die Schiffspapiere geklärt sind, dürfen wir nicht weitersegeln.

Außerdem findet sich in den Unterlagen ein abgelaufener Versicherungsnachweis. Die Papiere sind auf Griechisch; bei der Übergabe war uns das nicht aufgefallen. Nun muss die Charteragentur gültige Unterlagen beschaffen.

Nach der Arbeit an der Ankerkette beginnen die Telefonate.

Vier Skipper und ein aufgebrachter Eigner

Der Eigner sitzt in Piräus und geht offenbar zunächst davon aus, dass sein Boot beschädigt worden sei. Er möchte einen Berufsskipper schicken, der es weiterfahren soll.

Dagegen wehren wir uns entschieden. Wir haben vier Skipper an Bord. Unsere Crew hat unter schwierigsten Bedingungen die abgesprungene Kette wieder auf die Winde gebracht und das Boot unbeschädigt aus der Gefahrenlage befreit. Dass nun jemand aus Athen kommen soll, um uns das Steuer abzunehmen, können wir schwer akzeptieren.

In einigen leidenschaftlich geführten Telefonaten mache ich unsere Sicht deutlich: Der Eigner kann froh sein, dass diese Crew an Bord war. Und die gültigen Schiffspapiere bereitzustellen, ist Aufgabe der Charterseite.

Mit dem Hafenkapitän entwickelt sich unterdessen ein gutes, kollegiales Verhältnis. Er macht seine Verantwortung deutlich, wir kooperieren und klären, was zu klären ist.

Wir besorgen uns auch den Kontakt des Fischers aus Faros, der nach uns gesehen hatte. Bei ihm möchten wir uns persönlich bedanken.

Schließlich haben wir unsere Schiffspapiere wieder. Wir dokumentieren die wieder funktionierende Ankerwinde mit einem Video. Der Eigner verzichtet darauf, einen Skipper zu schicken. Der Hafenkapitän verabschiedet uns mit Handschlag.

Wir dürfen weiter.

Ein unfreiwilliger Ruhetag, der gerade recht kommt

Ganz ehrlich: Der zusätzliche Tag in Kamares kommt uns nicht ungelegen. Das haben wir in den Verhandlungen natürlich nicht besonders hervorgehoben.

In der Region weht es ohnehin mit Windstärke sechs bis sieben und heftigen Böen. Wir wären an diesem Tag wohl auch freiwillig im Hafen geblieben.

Nach dieser Nacht ist die Pause mehr als verdient. Die Crew hat mit Ausdauer, Können und großer Zähigkeit zusammengearbeitet. Niemand konnte das Problem allein lösen. Wir brauchten die Menschen an den Winchen genauso wie jemanden am Steuer und am Funkgerät.

Nun liegen wir sicher zwischen Fischerbooten. Und am Abend esse ich zwei Kugeln Eis.

Ich kann kaum begreifen, dass das derselbe Tag ist. Morgens um vier die Felswand vor dem Bug, das Adrenalin, die Verantwortung für Boot und Crew. Abends ein Eis im Hafen.

Morgens um vier noch die Felswand vor dem Bug, abends zwei Kugeln Eis im sicheren Hafen von Kamares: Manchmal ist kaum zu begreifen, was alles in einen einzigen Segeltag passt.

Vathi wird für mich künftig anders klingen. Die tiefe Bucht. Ein vermeintlicher sicherer Ankerplatz, dessen Schutz wir in dieser Nacht überschätzt haben.

Wir setzen unseren Törn guter Dinge fort. Erleichtert, um eine Erfahrung reicher und als Crew enger verbunden.